Uhren, Klettverschluss und Kameras: Beiträge der Schweiz zur Weltraumforschung
Vor 55 Jahren landeten erstmals Menschen auf dem Mond – mit an Bord waren auch Ausrüstungsgegenstände und Experimente aus der Schweiz. Ein Überblick über die Geschichte der Schweiz im Weltall und ihre Beiträge zur Weltraumforschung.
Am 20. Juli findet zur Erinnerung an die historische Mondlandung der Mission Apollo 11 weltweit der Weltraumforschungstag statt. Bekanntlich trugen die Astronauten von Apollo 11 bei der ersten bemannten Mondlandung Schweizer Uhren. Weniger bekannt ist hingegen, dass das einzige nichtamerikanische Experiment der Mission aus der Schweiz stammte. Kurz nachdem die Astronauten die Mondlandefähre verlassen hatten, wurde es aufgestellt – noch bevor Buzz Aldrin die US-Flagge in den staubigen Boden des Mondes steckte.
Schweizer «Flagge» auf dem Mond: das Sonnenwind-Experiment
Das Sonnenwindsegel «Solar Wind Composition Experiment» (SWC) wurde von der Universität Bern entwickelt. Es ermöglichte die Messung und Analyse des Sonnenwindes auf der Mondoberfläche, möglichst weit weg vom Magnetfeld der Erde, um Erkenntnisse über den Urknall und die Entstehung des Sonnensystems zu gewinnen. Mit dem Sonnenwindsegel wurden die verschiedenen Ionen und Energien des Sonnenwindes gemessen. Das SWC war auch an Bord späterer Apollo-Missionen und trug zu wesentlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen bei.
Das Schweizer Sonnenwindsegel war aber nicht der einzige in der Schweiz hergestellte Ausrüstungsgegenstand der Apollo-11-Mission. Mit an Bord waren Schweizer Hochleistungsobjektive für die Kameras, die die Mondlandung festhielten. Der Hitzeschild der Kommandokapsel bestand unter anderem aus hitzebeständigen Araldit-Epoxidharzen, die in der Schweiz entwickelten wurden.
Die Astronauten der Apollo 11 trugen Uhren des Schweizer Herstellers Omega, die mit einem Klettverschluss am Weltraumanzug befestigt waren. Den Klettverschluss hatte ein Schweizer Elektroingenieur 1955 patentieren lassen. Klettverschlüsse kamen auch in der Apollo-Kapsel zum Einsatz, um Gegenstände zu befestigen. Aber auch auf der Erde wurde Schweizer Technologie genutzt: Im Raumfahrtkontrollzentrum in Houston verwendete die NASA in der Schweiz hergestellte Projektoren, um die Mondlandungsbilder in Echtzeit verfolgen zu können.
Im Weltraum erprobt, auf der Erde genutzt
Satellitengestützte Anwendungen sind heute aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie ermöglichen unterschiedliche Dienste in den Bereichen Kommunikation, Navigation und Wettervorhersage. Zahlreiche andere wichtige Entwicklungen haben ebenfalls ihren Ursprung in der Weltraumforschung.
So hat die bemannte Raumfahrt Voraussetzungen für wesentliche Fortschritte im Gesundheitssektor geschaffen. Das Wissen über die Auswirkungen von Raumflügen auf den menschlichen Körper lieferte neue und auf der Erde anwendbare Erkenntnisse über Krankheiten wie Asthma, Fehlregulationen des Immunsystems, Rückenschmerzen oder Knochen- und Muskelschwund. Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) erforschte ausserdem den Einfluss von Mikrogravitation auf Zellen, die als Modell für den menschlichen Körper dienen können, um neue Krebsbehandlungen zu testen.
Die Erdbeobachtung aus dem Weltraum trägt zu einem besseren Verständnis des Wetters und der Klimaveränderungen bei. Sie liefert Erkenntnisse über die Ursachen der Erderwärmung und zeigt, dass der Klimawandel schneller voranschreitet als bisher gedacht. Ausserdem leistet sie einen Beitrag zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels: Dank Wettersatelliten lässt sich beispielsweise die Leistung von Photovoltaikanlagen vorhersagen. Von Fortschritten bei der Energiespeicherung profitiert nicht nur die Weltraumforschung, sondern auch die nachhaltige Energieversorgung auf der Erde. Satelliten liefern zudem Daten für die Optimierung der Routenplanung und des Fahrstils, was zu weniger Emissionen im Strassenverkehr führt.
Schweizer Blick aufs Universum
Kameras und Instrumente im Weltraum tragen nicht nur zu einem besseren Verständnis der Erde bei, sondern ermöglichen auch den Blick auf benachbarte Planeten, die Sonne, die Milchstrasse und das Universum. Sie liefern neue Erkenntnisse über das weitere Umfeld unseres Planeten und über grundlegende physikalische und chemische Phänomene. Bei fast allen wissenschaftlichen Weltraummissionen der ESA sind Schweizer Universitäten und Unternehmen involviert, unter anderem bei der Exoplaneten-Mission Cheops unter Federführung der Schweiz, beim James Webb-Weltraumteleskop und bei der 2023 gestarteten Juice-Mission zur Erforschung von Jupiter und seinen Eismonden. Schweizer Technologie befindet sich auch in der CaSSIS-Kamera, die aktuell den Mars umrundet, oder flog mit einem Massenspektrometer auf der zehn Jahre dauernden Reise zum Kometen «Chury». In der Raumsonde Solar Orbiter sorgen Schweizer Beiträge für Röntgenaufnahmen von Sonnenexplosionen, im Weltraumteleskop Gaia ermöglichen sie eine dreidimensionale Kartierung unserer Galaxie und im Rahmen der Mission Euclid senden sie atemberaubende Bilder aus dem Kosmos zur Erde.
Schweizer Unternehmen waren in den letzten Jahren mit ihrer Technologie an zahlreichen internationalen Missionen beteiligt. Die Antriebssysteme des Mars-Rovers Perseverance der NASA, der im Jahr 2020 auf dem Mars landete, stammte von der Firma Maxon. Beyond Gravity fertigt Komponenten für Satelliten und Trägerraketen wie die Nutzlastverkleidungen der neuen ESA-Trägerrakete Ariane 6. An Bord des Mars-Rovers Rosalind Franklin befindet sich ein in der Schweiz entwickeltes Kamerasystem. Ausserdem entwickeln Schweizer Forschende Instrumente für künftige Venus-Missionen und beteiligen sich an der bisher ehrgeizigsten wissenschaftlichen Mission der ESA, einem Gravitationswellen-Observatorium im Weltraum.
Die lange Tradition der Schweiz in der Raumfahrtbranche, ihre innovativen Beiträge, die enge Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Ingenieurschulen und Industrie sowie der ausgeprägte Bottom up-Ansatz haben dazu beigetragen, dass die Schweiz heute in der Weltraumforschung an vorderster Front mitmischt. Über die Förderung des Austauschs von Wissen und Fähigkeiten, die Vernetzung einschlägiger Akteure und die Schaffung attraktiver und gleichberechtigter Möglichkeiten für junge Weltraumforschende bekräftigt die Schweiz ihr Engagement für eine erfolgreiche Erforschung des Weltraums während der nächsten 55 Jahre und darüber hinaus.