Bildungsraum Schweiz

Steuerung und Weiterentwicklung des Bildungssystems

400 Seiten dick, rund anderthalb Kilo schwer und mit über 500 Bildungsthemen vollgespickt, ist Anfang März 2023 die vierte Ausgabe des Bildungsberichtes Schweiz erschienen. Er präsentiert aktuelles Wissen über das Schweizer Bildungssystem und dessen Leistungsfähigkeit über alle Bildungsstufen hinweg.

20.03.2023
Autor/in: Tiziana Fantini
Foto von zwei Schülerinnen
Trotz Schulschliessungen aufgrund der Covid-19-Pandemie gab es keine nennenswerten Einbussen bei den schulischen Leistungen, dies ein Ergebnis des Bildungsberichts 2023. Bild: Monique Wittwer

Nach den Ausgaben 2010, 2014 und 2018 ist der Bildungsbericht 2023 ein Jahr später als geplant erschienen. Grund dafür war die Covid-19-Pandemie, von der über alle Schulstufen hinweg Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, Lernende und Studierende betroffen waren. Insbesondere das zeitweise Verbot von Präsenzunterricht stellte die Bildungsakteure vor grosse Herausforderungen. Die Verschiebung der Publikation ermöglichte es, kurzfristige Analysen zu den Auswirkungen der Pandemie einzubeziehen. Es zeigt sich, dass die Krise auch Chancen bot, beispielsweise im Bereich der Digitalisierung.

Ausgewählte Ergebnisse

Anhand von erst seit Kurzem möglichen statistischen Längsschnittanalysen präsentiert der Bericht u.a. neue Erkenntnisse zu den Abschlussquoten auf der Sekundarstufe II. So unterscheidet sich die Quote stark zwischen Personengruppen mit unterschiedlichem Ausbildungstyp, welchen Jugendliche im Alter von 15 Jahren besucht haben. Dabei spielt bekannterweise auch der Migrationshintergrund eine Rolle.

Ein weiterer Befund zeigt, dass die Tertiärquote in der Schweiz weiter ansteigt und über dem OECD-Durchschnitt liegt. Heute besitzt jede zweite 25- bis 34-jährige Person in der Schweiz einen Abschluss auf Tertiärstufe (Hochschule oder höhere Berufsbildung). Die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt stützt diesen Trend: Die Bildungsrenditen (Lohnsteigerung durch zusätzliche Bildung) von Personen mit tertiärem Abschluss sind nicht gesunken, obwohl heute deutlich mehr Personen über einen solchen verfügen. Zudem ist der Fachkräftemangel in denjenigen Berufen am stärksten, die einen Abschluss auf Tertiärstufe verlangen.

Bildungsmonitoring Schweiz

Anhand des Bildungsberichts überprüfen Bund und Kantone jeweils die langfristig angelegten bildungspolitischen Ziele für den Bildungsraum Schweiz. Basierend auf dem ersten Bildungsbericht von 2010 hatten sie 2011 gemeinsame Ziele erstmals festgehalten. Mit dem Erscheinen der Bildungsberichte 2014 und 2018 wurden diese überprüft und aktualisiert. Der neu vorliegende Bericht stösst eine weitere Überprüfung der gemeinsamen Ziele 2019 an: Er zeigt auf, was bereits gut funktioniert, wo weiterhin Herausforderungen bestehen und in welchen Bereichen noch zu wenig Wissen vorhanden ist. Diese Informationsbasis ermöglicht es den Akteuren, sinnvolle Massnahmen zu ergreifen.

Portrait eines Mannes mit Brillen

Stefan Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung und Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern.

Der Bildungsbericht ist wegen der Covid-19-Pandemie ein Jahr später erschienen als geplant. Wie hat sich die Pandemie auf die diversen Bildungsstufen ausgewirkt? 

Stefan Wolter: Die Auswirkungen sind je nach Bildungsstufe und auch nach Bildungstyp unterschiedlich ausgefallen. Das war grundsätzlich zu er­warten, denn beispielsweise blieben die obligatorischen Schulen relativ kurze Zeit für den Präsenzunterricht geschlossen, während gerade die Hochschulen viel länger auf diesen verzichten mussten. Unter­schiede gab es auch bezüglich der Arbeitsmarktorientierung. Während schulische Systeme davon weitestgehend unbeeinflusst sind, ist dies in der Berufsbildung oder der Weiterbildung gerade nicht der Fall. Ein Teil der Ausbildung hätte in Betrieben stattfinden sollen, die geschlossen oder wo die Betreuungspersonen im Home­office waren.

Gibt es auf die Corona-Pandemie bezogen Erkenntnisse, die Sie überrascht haben? 

Überraschend waren meines Erachtens vor allem drei Ereignisse. Erstens, dass wir keine nennenswerten Einbussen bei den schulischen Leistungen in der Folge der Schulschliessungen feststellen konnten, während uns aus dem Ausland häufig das Gegenteil berichtet wird. Zweitens, wie gut sich die Abfederungsmassnahmen, insbesondere die wirtschaftlichen, stabilisierend auf den Lehrstellenmarkt auswirkten. Drittens, wie gut die erste «COVID»-Kohorte (Studien­beginn 2020/21) an den Universitäten unterwegs war, obwohl diese ihr Studium machen musste, ohne je einen Fuss in die Universität gesetzt zu haben.

Der erste Bildungsbericht ist 2010 erschienen. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen seither? 

Es wäre untertrieben zu sagen, dass es keine grossen Entwicklungen gegeben hätte. Die Entwicklungen würde ich auf zwei verschiedenen Ebenen sehen. Erstens zeigt sich mit dem vierten Bericht, dass es nicht einfach um die Publikation eines Berichtes geht. Der Monito­ring­prozess, d.h. die Berichterstattung und dann die Formulierung der gemeinsamen bildungspolitischen Ziele von Bund und Kantonen und darauffolgend der nächste Bildungsbericht, hat sich gut eingespielt. Zweitens der kumulative Fortschritt der Wissensgenerierung. Während wir im ersten Bericht noch allzu häufig schreiben mussten, dass wir die Antwort auf die Frage nicht kennen würden, können wir dank den Fortschritten in der Statistik und der Forschung nun klare Antworten formulieren.

Was ist am Bildungssystem insgesamt besser geworden? Was allenfalls schlechter? 

Diese Frage lässt sich für das gesamte Bildungssystem nicht pauschal beantworten. Vieles ist leider praktisch unverändert geblieben, wenn ich beispielsweise an PISA-Ergebnisse über einen Zeitraum von 20 Jahren denke, oder an die Erfolgsquote auf der Sekundarstufe II (95%-Ziel) und die unverändert hohen Abbruchquoten an den Universitäten. Wenn ich es dabei belassen würde, würde dies ein zu negatives Bild des Schweizer Bildungswesens zeichnen. Zum Glück sind auch viele positive Aspekte unverändert gut geblieben. Die Mehrheit der Jugend ist gut für den Arbeitsmarkt, die Wissenschaft und die Gesellschaft im Allgemeinen vorbereitet.


Kontakt
Jacqueline Würth, SBFI Projektverantwortliche Ressort BFI-Systemsteuerung jacqueline.wuerth@sbfi.admin.ch +41 58 463 26 06

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