Raumfahrt Europäische Zusammenarbeit

Eine Ära des europäischen Weltraumtransports geht zu Ende – Adieu Ariane 5!

Ariane 5, die leistungsstärkste europäische Trägerrakete, hat am 5. Juli 2023 auf ihrer allerletzten Mission zwei Satelliten in ihre Umlaufbahn befördert. In ihren 27 Betriebsjahren hob die Rakete insgesamt 117 Mal ab.

15.09.2023
Autor/in: Kamlesh Brocard
Weltraumteleskop
Das James-Webb-Weltraumteleskop vor dem Anbringen der Nutzlastverkleidung der Ariane 5 im Reinraum des Weltraumbahnhofs in Kourou in Französisch-Guayana. Bild: ESA

Das Projekt Ariane begann 1973 als Forschungs- und Entwicklungsprogramm für eine europäische Trägerrakete. Ziel war es, dass Europa seine Satelliten künftig in die Umlaufbahn bringen konnte, ohne von den anderen Weltraummächten abhängig zu sein. Die Produktion von Ariane wurde damit parallel zur Gründung der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) im Jahr 1975 aufgezogen. Die technologischen Fortschritte bei den aufeinanderfolgenden Generationen der Trägerrakete Ariane (Ariane 1 bis Ariane 4) führten dazu, dass in den 1980er-Jahren die Entwicklung von Ariane 5 in Angriff genommen wurde, wobei ursprünglich ein europäisches Programm für die bemannte Raumfahrt entstehen sollte.

Die Bedeutung von Ariane 5 für Europa

Als Symbol der technologischen und industriellen Fähigkeiten Europas spielte Ariane 5 für den autonomen Zugang zum Weltraum eine massgebliche Rolle. Sie ermöglichte Europa, sich als Weltraummacht zu etablieren. Der Weltraum ist für Europa ein strategischer Sektor mit positiven Auswirkungen für die gesamte Wirtschaft.

Entsprechend gilt der Zugang zum Weltraum als Schlüsselfaktor und unabdingbares Glied in der globalen Wertschöpfungskette des Raumfahrtsektors. Die Zuverlässigkeit und Flexibilität von Ariane 5 beim Transport von Satelliten in unterschiedlichste Umlaufbahnen waren gegenüber anderen Trägerraketen ein entscheidender technologischer Vorteil. Zudem galt sie als Paradebeispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den europäischen Ländern und der Industrie, wobei die Schweiz keine Ausnahme bildete.

Kein Ariane-Start ohne Schweizer Beitrag

Die Schweiz beteiligt sich seit den Anfängen an den europäischen Trägerraketenprogrammen und damit auch am Ariane-Programm. Der autonome Zugang zum Weltraum für Europa und die Schweiz war immer ein Schlüsselelement der Schweizer Weltraumpolitik. Zusätzlich zu den üblichen Teilen, die schon bei den Vorgängerversionen eingesetzt wurden, betraf der Beitrag der Schweiz zu Ariane 5 insbesondere die Nutzlastverkleidung. Diese Verkleidung befindet sich auf der Raketenspitze und schützt die Satelliten auf der Startrampe und in den ersten Minuten nach dem Start, wenn sie die Atmosphäre durchqueren. Der gekonnte Umgang mit dieser Technologie erfordert grosses Knowhow im Ingenieurwesen und einige Erfahrung in weiteren Bereichen.

Das Unternehmen Contraves hat für sämtliche Ariane-5-Raketen die Nutzlastverkleidung entwickelt und geliefert: vom ersten Flug im Jahr 1979 bis zum letzten Start. Contraves wurde später zu Oerlikon-Contraves und schliesslich von der RUAG übernommen. Heute stellt das Unternehmen Beyond Gravity (vormals RUAG Space Switzerland) in einem effizienten Produktionsprozess Nutzlastverkleidungen nicht nur für Ariane 6, sondern auch für die kleine europäische Trägerrakete Vega sowie für die US-Trägerraketen Atlas und Vulcan her. In der ganzen Geschichte der europäischen Trägerraketen erlebte die Schweizer Nutzlastverkleidung nie einen Misserfolg.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Einer der Vorzüge von Ariane 5 war ihre Vielseitigkeit, was sich an den sehr unterschiedlichen Missionen zeigt: In einer sogenannten «Standardmission» konnte Ariane 5 zwei massive Telekommunikationssatelliten in die geostationäre Umlaufbahn bringen. Solche Satelliten, die von der Erde aus betrachtet immer an der gleichen Stelle verbleiben, werden für die Übertragung von Fernsehsendern oder Internetverbindungen verwendet. Die schwersten von Ariane 5 transportierten Satelliten waren die fünf ATV (Automated Transfer Vehicle), das sind Weltraumfrachter mit einem Gewicht von je rund 20 Tonnen und der Grösse eines Kleinbusses. Sie kamen für die Versorgung der internationalen Raumstation ISS zum Einsatz und waren die grössten und raffiniertesten Raumfahrzeuge, die in Europa je gebaut wurden.

Manche Missionen dienten der Platzierung von Raumfahrtinfrastrukturen wie beispielsweise der Positionierung von Galileo-Satelliten im Rahmen des von der Europäischen Union mit Unterstützung der ESA geschaffenen Satellitennavigationssystems.

Nicht zuletzt wurde Ariane 5 auch zum Transport aussergewöhnlicher wissenschaftlicher Satelliten wie des James-Webb-Weltraumteleskops oder von Raumsonden zur Erforschung des Sonnensystems wie Rosetta, BepiColombo und JUICE verwendet. Diese Wissenschaftsmissionen tragen zusammen mit vielen anderen zur Vertiefung der Kenntnisse in verschiedenen Bereichen bei und sind für die Schweizer Forschung und Industrie besonders wichtig.

Die Nutzlastverkleidung von Ariane 5
Die Nutzlastverkleidung von Ariane 5 in den Produktionshallen der RUAG in Emmen. Bild: RUAG

Weiterentwicklung der Trägerraketen-Familie Ariane

Ariane 5 galt europaweit als Referenz in Sachen Vielseitigkeit und Zuverlässigkeit. Die Trägerrakete hat den Weltraumtransport in Europa buchstäblich auf ein neues Niveau gehoben. Hauptgrund für die Einstellung der Ariane 5 sind die Produktionskosten, die angesichts der neuen weltweiten Konkurrenz auf dem Markt nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Ausgehend von ihren Erfahrungen und Erfolgen entschied Europa deshalb, mit Ariane 6 das Nachfolgemodell zu lancieren – eine neue Rakete welche den Marktbedürfnissen entspricht.

Die neue Trägerrakete befindet sich in der Schlussphase der Entwicklung und sollte 2024 für den Erstflug bereit sein. Ariane 6 wird mit einer neuen Oberstufe ausgestattet und in zwei Konfigurationen – mit 2 oder 4 Boostern – angeboten. Damit wird sie noch leistungsfähiger, vielseitiger und fähig sein, den wachsenden Markt der Satellitenkonstellationen zu erobern. Auch für die künftigen Ambitionen der Weltraumerforschung soll sie als Referenz dienen.

Die Beteiligung der Schweiz am Programm Ariane zeugt vom politischen Engagement und von der kontinuierlichen und verlässlichen Mitarbeit der Schweiz für einen autonomen Zugang zum Weltraum für Europa. Mit ihrer Beteiligung am Trägerraketenprogramm wird jedoch auch der Rückfluss in die Schweiz sichergestellt, namentlich in Form einer Stärkung der Kompetenzen der Schweizer Akteure im Bereich Spitzentechnologien.


Kontakt
Kamlesh Brocard, SBFI Wissenschaftliche Beraterin Abteilung Raumfahrt kamlesh.brocard@sbfi.admin.ch +41 58 465 14 87

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