Der neue Generaldirektor des CERN zu Besuch in Bern

Am 20. August 2026 war Prof. Mark Thomson, der neue Generaldirektor des CERN, zu einem Antrittsbesuch in Bern. Ein wissenschaftspolitisches Podium bot den Schweizer forschungspolitischen Institutionen und dem CERN Gelegenheit, gemeinsam einen Blick auf das nächste Kapitel der Teilchenphysik zu werfen und die enge Verbundenheit zwischen den Schweizer Akteuren und dem CERN zu würdigen.

06.10.2026
Autoren/Autorinnen: Francesca Stocker, Doris Wohlfender
Ein Mann mit Brille hält eine Rede am Rednerpult.
Prof. Mark Thomson, Generaldirektor CERN: «Am CERN probieren wir das Universum zu verstehen. Das ist einfach zu sagen, aber ziemlich schwierig zu tun.» Bild: SBFI

Die Schweiz und das CERN sind eng verbunden

Für die Schweiz ist das CERN kein fernes Forschungslabor, und zwar nicht nur aus geografischer Sicht. Das CERN ist tief im Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystem des Landes verankert. Schweizer Hochschulen sind an grossen internationalen Kooperationen zur Entwicklung von Experimenten und Detektoren für das CERN beteiligt.  Viele Schweizer Forschende, die später leitende Rollen an Hochschulen oder in der Industrie antreten, wurden an CERN-Instrumenten ausgebildet. Zudem entwickeln vom Bund unterstützte Schweizer Initiativen die Technologien, auf die ein künftiger Beschleuniger angewiesen sein dürfte.

Zwei Initiativen veranschaulichen dies besonders gut: CHART, das die Beschleunigertechnologie vorantreibt, und CHEF, das sich den physikalischen Grundlagen eines zukünftigen Beschleunigers widmet. Beide Initiativen werden von mehreren Schweizer Institutionen getragen und wurden bereits in einem früheren Artikel über die Schweizer Vorbereitungen auf die Zukunft der Teilchenphysik vorgestellt.

Ein jahrzehntelanges Engagement

Wenige aktuelle Forschungsvorhaben haben einen so langen Zeithorizont wie das nächste Grossprojekt des CERN. Der Future Circular Collider (FCC) ist der Elektron-Positron-Beschleuniger, den die europäische Teilchenphysikstrategie als bevorzugtes nächstes Grossprojekt des CERN empfiehlt. Er würde in einem neuen, rund 91 Kilometer langen Tunnel unter der Genfer Region verlaufen und die schweizerisch-französische Grenze überqueren. Sein wissenschaftliches Programm würde weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts reichen.

Die Finanzierung und das politische Engagement für ein Projekt mit einem solchen Zeithorizont zu sichern, ist eine grosse Herausforderung. Umso mehr angesichts des aktuellen Drucks auf staatliche Budgets, sowie das sich rasch wandelnde Forschungs- und geopolitische Umfeld. Zudem ist dies keine Entscheidung, die die Schweiz allein treffen kann: sie liegt beim CERN-Rat, in dem die Schweiz, als einer von 25 Mitgliedstaaten, vertreten ist. Als erster Schritt verabschiedete im Mai 2026 der CERN-Rat die aktualisierte Europäische Strategie für Teilchenphysik. Darin wird festgehalten, dass der FCC das klar priorisierte Grossprojekt für das CERN ist. Die Entscheidung über die Realisierung des FCC dürfte im Laufe des Jahres 2028 gefällt werden – also noch während der Amtszeit des derzeitigen Generaldirektors. Als Gaststaat kommt der Schweiz bei dieser Entscheidung eine besondere Rolle zu. Die von sämtlichen Vertretern geäusserte Botschaft war entsprechend klar: Die Schweiz will darauf vorbereitet sein.

Die Schweiz als Gaststaat

Staatssekretärin Martina Hirayama brachte diese Bereitschaft in ihrer Ansprache zum Ausdruck. Sie schlug den Bogen zum Sitzabkommen von 1955, das das Verhältnis zwischen dem CERN und der Schweiz bis heute prägt. Zugleich verwies sie auf die konkreten Ergebnisse dieser Partnerschaft – allen voran die zahlreichen Forschenden, deren Ausbildung das CERN unterstützt und die ihre Karriere nicht selten in Schweizer Institutionen oder Unternehmen fortführen.

Mit Blick auf die Zukunft betonte sie, dass sich die Schweiz frühzeitig vorbereite: Im Herbst 2024 hat das Schweizer Parlament ein Gesetz verabschiedet, welches die Zuständigkeit für die Genehmigung des Baus strategisch wichtiger CERN-Projekte auf Schweizer Gebiet der Eidgenossenschaft überträgt. Zudem unterstützt die Schweiz gezielt die Entwicklung von Technologie, die Forschung und junge Talente. So könne die Schweiz ihre Rolle als Gaststaat voll wahrnehmen: das CERN kann sich auf die Schweiz verlassen.

Eine wichtige Zeit für die Zukunft des CERN

«Der FCC ist die richtige Wahl für das CERN und für die Teilchenphysik. Damit wollen wir das Higgs-Teilchen, über das wir noch immer sehr wenig wissen, verstehen» sagte Mark Thomson. Darüber hinaus unterstrich er, dass Europa im Feld der Teilchenphysik führend sei: diese Position gelte es mit einem zukünftigen Grossprojekt zu verteidigen.

Er äusserte sich ebenfalls zur besonderen Beziehung des CERN mit dem Gaststaat Schweiz. Mehrere Faktoren trügen zu dieser erfreulichen Beziehung bei. Neben der geographischen Nähe, den exzellenten Forschungsstätten an den Universitäten und am PSI spiele auch die innovationsstarke Industrie eine wichtige Rolle. Ebenso lobte er die Koordination auf nationaler Ebene über Initiativen wie CHART und CHEF.

Prof. Mark Thomson wies zudem darauf hin, dass ein Grossprojekt wie der FCC das Potenzial habe, die jüngeren Generationen zu inspirieren und gerade in Zeiten von geopolitischen Unsicherheiten ein Zeichen zugunsten der internationalen Zusammenarbeit zu setzen.

Ein Mann schaut in die Kamera und gestikuliert.
Prof. Michael Hengartner, Präsident ETH-Rat: «Ohne den Apfelbaum, den man über Jahre hegt und pflegt, lassen sich keine Äpfel ernten. Mit der Innovation, die nur dank Grundlagenforschung gedeihen kann, ist es genau gleich.» Bild: SBFI

Die Perspektive der Schweizer Forschungsinstitutionen

Prof. Michael Hengartner, Präsident des ETH-Rats, Prof. Luciana Vaccaro, Präsidentin von swissuniversities und Prof. Torsten Schwede, Präsident des Forschungsrates des SNF betonten alle, wie unerlässlich Grundlagenforschung sei. Hengartner wies darauf hin, dass disruptive Innovation eigentlich immer ein Nebenprodukt von Grundlagenforschung sei. Auch Schwede ist davon überzeugt. Er verwies darauf, dass zum Beispiel die Entwicklung supraleitender Magnete für die Grundlagenforschung im Gebiet der Teilchenphysik bahnbrechende methodische Innovationen in der NMR-Spektroskopie ermöglichte, die wiederum im Bereich der Lifesciences hochrelevante Anwendungen findet. Vaccaro hob die besonderen Kompetenzen hervor, die junge Forschende am CERN erwerben, und die sie zu gefragten Fachkräften für die Wirtschaft machen. Ein Grossprojekt wie das FCC übe zudem eine starke Anziehungskraft auf junge Talente aus und könne sie für MINT-Fächer begeistern. Auch ihre eigene berufliche Laufbahn sei vom CERN geprägt: Wegen des CERN habe sie sich zum Physikstudium entschieden.


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