Die Schweiz kehrt in die europäische Fusionsforschung zurück

Die Schweiz hat ihre Beteiligung am derzeit in Cadarache (Frankreich) im Bau befindlichen Fusionsreaktor ITER wieder aufgenommen und ist seit dem 1. Januar 2026 erneut Vollmitglied von Fusion for Energy (F4E). Damit kann die Schweiz ihre Kapazitäten weiterentwickeln und sich stärker in das Fusionsökosystem integrieren, während Europa vom Schweizer Fachwissen und den Schweizer Forschungseinrichtungen profitiert.

09.09.2026
Autor/in: Laurent Salzarulo
Ein Mann im Anzug vor blauer Wand.
Marc Lachaise, Direktor von Fusion for Energy (F4E) Bild: F4E

Der experimentelle thermonukleare Reaktor ITER verfolgt das Ziel, die wissenschaftliche und technologische Machbarkeit der Kernfusion als Energiequelle nachzuweisen. Das Projekt ist eine gemeinsame Initiative der Europäischen Union und der Länder China, Indien, Südkorea, Japan, Russland und der Vereinigten Staaten. Das in Barcelona ansässige gemeinsame Unternehmen der EU, Fusion for Energy (F4E), koordiniert den europäischen Beitrag zum Projekt.

Mit der Unterzeichnung des bilateralen Abkommens zwischen der Schweiz und der EU über die Teilnahme der Schweiz an den EU-Programmen am 10. November 2025 wurde die Schweiz rückwirkend per 1. Januar 2025 dem Euratom-Forschungs- und Ausbildungsprogramm assoziiert und erlangte ab dem 1. Januar 2026 ihre Vollmitgliedschaft bei F4E zurück. Die Schweiz und die EU knüpfen damit an eine lange und fruchtbare Tradition der wissenschaftlichen Zusammenarbeit an, die auf ein Abkommen zur Fusionsforschung aus dem Jahr 1979 zurückgeht. Die Schweiz ist seit 2004 dem gesamten Euratom-Programm assoziiert und seit der Gründung von F4E im Jahr 2007 Mitglied der Organisation, mit einem Unterbruch der Mitgliedschaft von 2021 bis 2025.

Neben dem gegenseitigen Nutzen der wissenschaftlichen und technologischen Zusammenarbeit ermöglicht die Mitgliedschaft bei F4E Schweizer Staatsangehörigen, für die Organisation zu arbeiten, und Schweizer Unternehmen, an ihren Ausschreibungen teilzunehmen. Darüber hinaus ist die Schweiz nun über ihren Sitz im Governing Board von F4E, dem obersten Entscheidungsgremium der Organisation, aktiv an den Entscheidungsprozessen zur Gestaltung des europäischen Fusionsökosystems beteiligt.

Interview mit Marc Lachaise, Direktor von Fusion for Energy

Wie sehen Sie persönlich die Möglichkeiten der Kernfusion, zum Gemeinwohl beizutragen?

Ich bin optimistisch, was die Fusionsenergie angeht, da sie erhebliche geopolitische, ökologische und industrielle Vorteile mit sich bringt. Wir müssen unsere Abhängigkeit von Drittländern verringern und den Verbrauch fossiler Brennstoffe senken, um den Klimawandel zu bekämpfen.

Die Kernfusion ist von Natur aus sicher, der dafür benötigte Brennstoff ist reichlich vorhanden und bei der Fusion entstehen keine Treibhausgase. Der Energiemix von morgen muss breit gefächert, vielfältig und sauber sein und die Erzeugung von Grundlaststrom ermöglichen. Die Kernfusion erfüllt all diese Kriterien, also müssen wir Raum für sie schaffen.

Für Europa ist es zudem wichtig, diese neue Technologie anzunehmen und mit den Entwicklungen Schritt zu halten, da sich der Wettlauf mit den USA und China verschärft.

Abgesehen von der Beherrschung der damit verbundenen Technologien: Was kann Europa aus seiner Beteiligung am ITER gewinnen?

Europa ist Gastgeber des ITER-Projekts, und sein Beitrag zu diesem Projekt beläuft sich auf etwa 50 Prozent. Dadurch konnte F4E eine Partnerschaft mit mehr als 3000 Unternehmen und 75 Laboren in Europa aufbauen. Wir freuen uns sehr, die Schweiz aufgrund der für beide Seiten vorteilhaften Perspektiven wieder in dieser Lieferkette willkommen zu heissen. Bislang gibt es keine andere Anlage als ITER, an der ein derart breites Spektrum unterschiedlicher Technologien getestet wird. Wir werden es dem Fusionsökosystem, einschliesslich der Start-ups, ermöglichen, von den Erfahrungen zu profitieren, die wir gesammelt haben.

Wie steht F4E zum Einstieg der Privatwirtschaft in die Fusionsforschung?

Wir betrachten die zunehmende Verbreitung geschäftsorientierter Fusionsinitiativen als ein klares Zeichen für den Erfolg. Das ist erfreulich, denn es bedeutet, dass wir einen Markt geschaffen, eine zuverlässige Lieferkette aufgebaut und realistische Erwartungen geweckt haben. Die Situation heute unterscheidet sich grundlegend von der vor einem Jahrzehnt und wird sich weiter verändern.

F4E hat seine Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt, indem es über Absichtserklärungen Kontakte zu privaten oder öffentlich-privaten Initiativen geknüpft und damit einen Rahmen für Zusammenarbeit, Austausch und Dialog zu Themen von beiderseitigem Nutzen geschaffen hat. Um nur einige zu nennen: Wir haben bereits entsprechende Vereinbarungen mit Proxima, Novatron und Gauss geschlossen.

Gibt es eine Schätzung der sozioökonomischen Auswirkungen dieser Aktivitäten?

Laut unserem jüngsten Socio-economic Report, der den Zeitraum 2018 bis 2024 abdeckt, beliefen sich die Investitionen von F4E auf knapp 5,6 Milliarden Euro (zu Preisen von 2024). Diese Ausgaben generierten im Vergleich zu einem Szenario ohne Ausgaben eine geschätzte Bruttowertschöpfung (BWS) von 5,95 Milliarden Euro. Diese Aktivitäten trugen im selben Zeitraum zudem dazu bei, dass durchschnittlich 5600 zusätzliche Vollzeitstellen (VZÄ) pro Jahr aufrechterhalten wurden (insgesamt 39'000 Beschäftigungsjahre). Für die Zukunft wird erwartet, dass die Beiträge von F4E von 2025 bis 2039 jährlich eine BWS von 9,88 Milliarden Euro und 4500 Arbeitsplätze generieren werden.

Welche Rolle spielen die Schweizer Forschungseinrichtungen und die Industrie bei den europäischen Forschungsbemühungen im Bereich der Kernfusion?

Die Schweiz ist ein geschätztes und vertrauenswürdiges Mitglied der Fusionsgemeinschaft mit qualifizierten Fachkräften und Einrichtungen wie dem Swiss Plasma Center, das in Forschung und Entwicklung eine Vorreiterrolle einnimmt, sowie Einrichtungen wie FALCON, die uns zum Testen von Geräten zur Verfügung stehen. Wir freuen uns zudem auf eine aktive Zusammenarbeit mit dem Swiss Industry Liaison Office, um weitere Geschäftsmöglichkeiten zu fördern, die sich aus dem europäischen Beitrag zum ITER ergeben.

Wir sehen Schweiz als strategische Partnerin, die in unserer Lieferkette eine wichtige Rolle spielen kann. Wir müssen auch in das Humankapital investieren, um die Arbeitskräfte von morgen auszubilden. Ich möchte unsere Schweizer Partner dazu ermutigen, diese Rückkehr als Chance zu nutzen, um das Bewusstsein für die wirtschaftlichen Perspektiven, Arbeitsplätze und Kompetenzen zu schärfen, die die Zukunft prägen werden.

Was würden Sie jungen Schweizerinnen und Schweizern empfehlen, die zur Weiterentwicklung der Kernfusion beitragen möchten?

Wir müssen attraktive Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, wirtschaftliche Chancen und langfristig verlässliche berufliche Perspektiven bieten. Unsere Lieferkette trägt zunehmend dazu bei. Darüber hinaus bietet F4E mit ihrem Trainingsprogramm eine Einstiegsmöglichkeit, für Schweizer Hochschulabsolventinnen und -absolventen, um Einblicke zu gewinnen und praktische Erfahrungen aus erster Hand in den Bereichen Herstellung von ITER-Komponenten, Beschaffung, Projektmanagement, nukleare Sicherheit und Qualitätssicherung – um nur einige zu nennen – zu sammeln. Ausserdem möchte ich sie dazu ermutigen, sich unsere Stellenangebote anzuschauen, um bei F4E oder in Zusammenarbeit mit F4E als entsandte nationale Expertinnen und Experten zu arbeiten.

Inwiefern könnte F4E für Schweizerinnen und Schweizer ein attraktiver Arbeitgeber sein?

Die Arbeit bei F4E bietet Schweizerinnen und Schweizern die Möglichkeit, Teil eines bemerkenswerten internationalen Projekts zu sein, das das Potenzial hat, die Geschichte der Menschheit zu verändern, indem es die Kernfusion einen Schritt näher bringt. F4E ist attraktiv für hochspezialisierte und qualifizierte Arbeitskräfte mit einem Hintergrund in den Bereichen Ingenieurwesen, Industrie, Wissenschaft, Projektmanagement und Verwaltung.

Gleichzeitig treten sie in den öffentlichen Dienst der EU ein, wo sie in einem multikulturellen Umfeld eine anspruchsvolle und erfüllende Laufbahn einschlagen können. F4E begrüsst ausdrücklich Bewerbungen von Frauen und verfolgt eine Politik der Chancengleichheit. Wir bieten ausserdem Massnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben an und sorgen für angemessene Anpassungen am Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderungen.


Kontakt
Laurent Salzarulo, SBFI Internationale Forschungsorganisationen laurent.salzarulo@sbfi.admin.ch +41 58 483 95 87
Autor/in
Laurent Salzarulo

Weiterführende Links