Berufsbildung Berufliche Grundbildung Berufsentwicklung Lehrstellenmarkt Nachhaltige Entwicklung Fachkräftemangel

Wie ein neuer Beruf entsteht: Beispiele aus der Solarbranche

Im Jahr 2023 hat das SBFI insgesamt 50 neue oder revidierte Berufe genehmigt und erlassen. Im Zusammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit und Ökologie sind so beispielsweise die Berufe Solarinstallateurin/Solarinstallateur EFZ und Solarmonteurin/Solarmonteur EBA entstanden.

28.03.2024
Autor/in: Florian Berset
Zwei Lernende arbeiten an Solarpanels in Arbeitskleidung und Helm auf einem Flachdach
Lernende des neuen Berufs Solarinstallateurin/Solarinstallateur EFZ montieren, installieren, warten und reparieren ab Lehrbeginn 2024 Solaranlagen auf Flachdächern, auf geneigten Dächern sowie an Fassaden. Bild: Bildungszentrum Polybau

In der Schweiz initiiert die Wirtschaft die (Weiter-)Entwicklung der Berufe in der beruflichen Grundbildung. Alle fünf Jahre werden sie auf wirtschaftliche, technologische, ökologische und didaktische Entwicklungen hin überprüft und den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes angepasst. Gleiches gilt für die Bildungsangebote und Abschlüsse der höheren Berufsbildung. 

Der Berufsentwicklungsprozess – von der Analyse bis zur Umsetzung 

Berufs- und Branchenverbände definieren die Bildungsinhalte und Qualifikationsverfahren für ihre Berufe. Will eine Trägerschaft eine neue berufliche Grundbildung wie beispielsweise die dreijährige Grundbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis Solarinstallateurin/Solarinstallateur EFZ oder die zweijährige Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest Solarmonteurin/Solarmonteur EBA entwickeln, arbeitet sie eng mit den anderen Verbundpartnern – Bund und Kantonen – zusammen. Bevor mit den Arbeiten begonnen werden kann, müssen grundlegende Fragen geklärt werden: Wer übernimmt die Trägerschaft für die neue berufliche Grundbildung? Ist das Berufsbild geklärt? Ist der Bedarf des Arbeitsmarktes ausgewiesen? Gibt es genügend ausbildungs- und beschäftigungsbereite Betriebe?

Nach Abschluss einer solchen Analyse reicht die Trägerschaft beim SBFI den Antrag auf das Vor-Ticket und auf den Bundesbeitrag ein. Mit der Vergabe des Vor-Tickets gibt das SBFI grünes Licht für die weiteren Arbeiten und stellt die Abstimmung zwischen den Verbundpartnern sicher. 

In einer Grafik sind in verschiedenen Farben im Kreis die Schritte im Prozess der Berufsentwicklung angeordnet.
Der Prozess der Berufsentwicklung in sechs Schritten. Grafik: SBFI
Eine lernende Solarinstallateurin und ein lernender Solarinstallateur sehen sich Pläne auf einer Baustelle auf einem Dach an.
Solarinstallateurinnen und Solarinstallateure sorgen damit dafür, dass die Gebäudehüllen zu Energieerzeugungsanlagen werden und die Ansprüche an Energieeffizienz und Klimaschutz erfüllen. Bild: Bildungszentrum Polybau
Ein Berufsbildungsverantwortlicher erklärt einem Lernenden etwas an einem Sicherungskasten.
Bild: Bildungszentrum Polybau

Rechtlich notwendige Instrumente

Nach Vergabe des Vor-Tickets durch das SBFI wird für jeden Beruf ein Qualifikationsprofil erstellt. Dieses besteht aus dem Berufsbild, der Übersicht über die Handlungskompetenzen sowie dem Anforderungsniveau des Berufes. Es dient als Grundlage, um die Bildungsverordnung und den Bildungsplan zu erarbeiten. Die Bildungsverordnung enthält die rechtssetzenden Elemente für die betrieblich organisierte Grundbildung und gegebenenfalls auch die Anforderungen an die Vermittlung beruflicher Praxis für die schulisch organisierte Grundbildung. 

Nach Prüfung und allfälliger Bereinigung dieser Dokumente führt das SBFI bei den Bundesämtern, Kantonen und interessierten Kreisen eine Anhörung durch. Das SBFI wertet die Anhörungsergebnisse aus und passt Bildungsverordnung und Bildungsplan gegebenenfalls an. In einer Sitzung mit den Verbundpartnern werden anschliessend letzte Differenzen bereinigt. Schliesslich erlässt das SBFI die Bildungsverordnung und genehmigt den Bildungsplan.

Erfolgreiche Zusammenarbeit trotz beschleunigtem Prozess 

Erfahrungsgemäss dauert ein Entwicklungsprozess für einen neuen Beruf rund drei Jahre. Wenn wirtschaftliche, ökologische oder gesellschaftliche Veränderungen es erfordern, können Bildungsangebote auch in kürzerer Zeit geschaffen werden, was zusätzliche Anstrengungen der Verbundpartner erfordert. Dies ist bei den Berufen Solarinstallateurin/Solarinstallateur EFZ sowie Solarmonteurin/Solarmonteur EBA geschehen. Mit Erfolg, wie Fredy Fritsche, Leiter Lehraufsicht beim Amt für Berufsbildung St. Gallen bestätigt: «Die Tatsache, dass die neuen Berufe in ein bestehendes Berufsfeld integriert werden konnten, bei dem Trägerschaft und Strukturen bereits vorhanden waren und die Verbundpartnerschaft gelebt wird, war sicher ein Vorteil. Ein weiterer war, dass auf bestehende Infrastrukturen für Berufsfachschulunterricht und überbetriebliche Kurse aufgebaut werden konnte.» 

Zu den Aufgaben der Kantone gehören unter anderem die Ausbildung der Lernenden an der Berufsfachschule, die Durchführung der Qualifikationsverfahren sowie die Mitwirkung bei den überbetrieblichen Kursen. Damit die Ausbildung an den drei Lernorten funktioniert, ist die verbundpartnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Bund, Trägerschaft bzw. Berufsverband und den Kantonen von zentraler Bedeutung. 

Porträt von Fredy Fritsche, in blauem Pullover mit weissem Hemdkragen und mit Brille vor hellgrauem Hintergrund

Fredy Fritsche ist Leiter Lehraufsicht beim Amt für Berufsbildung St. Gallen.

Neue Berufe beeinflussen auch weiterführende Bildungsangebote

Der Bedarf an Solarberufen sei schon länger ausgewiesen, sagt Beat Hanselmann vom Bildungszentrum Polybau: «Es gab in der Branche und auf dem Arbeitsmarkt mehrere Umfragen zu den Bedürfnissen und möglichen Ausbildungsinhalten. Die Rückmeldungen zeigten, dass die Solarbranche neue Ausbildungen wie die zur Solarinstallateurin EFZ respektive zum Solarmonteur EBA wünscht und benötigt. Damit war die Basis für die Berufe gelegt, der Prozess konnte gestartet werden.» Die Trägerschaft führte zusammen mit Swissolar, dem SBFI und den Kantonen eine Planungssitzung durch, um eine Auslegeordnung zu Themen wie Berufsbild, Fachkräftebedarf, Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sowie Abgrenzung zu anderen Berufen und Branchen zu machen. Zudem wurden organisatorische Fragen wie die Trägerschaft des Berufes und die erforderlichen finanziellen Mittel geklärt.

Laut Beat Hanselmann rechnet die Branche für das Schuljahr 2024/25 mit 80 eintretenden Lernenden EFZ und 30 eintretenden Lernenden EBA. Damit wären die neuen Berufe vergleichbar mit der Anzahl Dachdeckerin/Dachdecker EFZ im gemeinsamen Berufsfeld Gebäudehülle. Die neuen Berufe würden sich nicht nur auf das Angebot und die Nachfrage in der beruflichen Grundbildung auswirken, sondern auch die Möglichkeiten in der berufsorientierten Weiterbildung erweitern, so Hanselmann: «In der nicht-formalen Bildung ist die Nachfrage seit Bekanntwerden der neuen beruflichen Grundbildungen im Solarbereich deutlich gestiegen, so dass nun laufend Angebote für Neu- und Quereinsteiger entwickelt werden». In der höheren Berufsbildung gibt es zudem bereits seit rund zehn Jahren den Beruf Projektleiterin/Projektleiter Solarmontage mit eidgenössischem Fachausweis als Berufsprüfung.

Porträt von Beat Hanselmann in blauem Anzug, weissem Hemd, mit Brille und vor einem hellgrauen Hintergrund.

Beat Hanselmann ist Leiter Bildung am Bildungszentrum Polybau. 

Bild: Bildungszentrum Polybau


Kontakt
Florian Berset, SBFI Projektverantwortlicher, Ressort Berufliche Grundbildung florian.berset@sbfi.admin.ch +41 58 463 75 22