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Auf dem Weg zu einem europäischen Abschluss

Die Europäische Union hat im Frühling 2024 Vorschläge für einen neuen europäischen Abschluss präsentiert, der auf den Erfahrungen mit gemeinsamen Studienprogrammen innerhalb der europäischen Hochschulallianzen basiert. Auch Schweizer Hochschulen, wie die Universität Zürich, beteiligen sich.

04.06.2024
Autor/in: Jérôme Hügli
Vier Personen stehen mit jeweils einem Bein auf Stühlen oder Hockern in einem Halbkreis angeordnet und halten gemeinsam zwei bunte kleine Stühle hoch.
Sie machen grenzüberschreitendes Studieren möglich, indem sie den Joint Bachelor in European Studies an der Universität Zürich vorbereiten: Annika Martin (Projektleiterin), Martin Dusinberre (Professor für Global History), Peter Finke (Professor für Ethnologie und designierter Studienprogrammdirektor), Andreas Heinemann (Professor für Handels-, Wirtschafts- und Europarecht). Bild: Dan Cermac

Das Thema des europäischen Abschlusses (European Degree) geht auf die zunehmende Anzahl von gemeinsamen Studienprogrammen (Joint Degrees) innerhalb der europäischen Hochschulallianzen zurück. Diese Joint Degrees bieten ein Curriculum an mindestens zwei verschiedenen Universitäten an.

Das nun vorgestellte Konzept für einen European Degree baut auf den Ergebnissen von sechs Erasmus+-Pilotprojekten auf, an denen mehr als 140 Hochschulen aus allen EU-Ländern beteiligt waren. Dabei wurden die bisherigen Erfahrungen der europäischen Hochschulallianzen mit den Joint Degrees systematisch ausgewertet: Es wurden die rechtlichen und studienadministrativen Hürden auf der jeweiligen nationalen Ebene identifiziert und ausgelotet, wie ein European Degree aussehen könnte. An zwei dieser Pilotprojekte waren Schweizer Hochschulen im Rahmen ihrer Mitgliedschaft in einer europäischen Hochschulallianz beteiligt. 

Die Universität Zürich (UZH) ist als Mitglied der Allianz Una Europa an zwei Joint-Degree-Programmen beteiligt. Am Projekt ED-AFFICHE hat sie zusammen mit 50 weiteren Hochschulen aus 22 Ländern teilgenommen. Wir sprachen mit Annika Martin, Projektverantwortliche der UZH, über die Teilnahme an ED-AFFICHE.

Warum hat die UZH am Pilotprojekt ED-AFFICHE teilgenommen?

Als UZH wollten wir mehr über Joint Degrees erfahren und sehen, wo die Diskussion steht und wohin sie führen könnte. Es bot sich an, diese Pionierarbeit zu leisten, da Una Europa im Vergleich zu anderen Hochschulallianzen bereits sehr weit ist in der Entwicklung von Joint Degrees. Wir wollten aus erster Hand das Erfahrungswissen der anderen Universitäten erhalten, um daraus für uns ableiten zu können, worauf wir als Schweizer Hochschulen achten sollten und wo Chancen und Risiken liegen. Für Studierende sind Joint Degrees sehr attraktiv, weil sie vorstrukturierte und curricular abgestimmte Internationalisierungserfahrungen ermöglichen. Diese internationalen, europäischen Joint Degrees und auch der European Degree sind wichtige Entwicklungen für uns in der Schweiz, da sie sich nicht nur auf EU-Mitgliedstaaten beziehen, sondern auf den gesamten Europäischen Hochschulraum.

Wie können wir uns Ihre Teilnahme konkret vorstellen?

Gemeinsam mit der Universität Genf, die als Mitglied der europäischen Hochschulallianz 4EU+ teilgenommen hat, konnten wir unsere universitätsspezifischen und nationalen Perspektiven in ED-AFFICHE einbringen. In einem ersten Schritt konnten wir Hinweise darauf geben, wo Schwierigkeiten mit Joint Degrees bestehen. Dabei konnten wir feststellen, dass die Autonomie der Hochschulen in der Schweiz im europäischen Vergleich erfreulich hoch ist. Gleichzeitig könnte das Thema der Zulassung für uns in der Zukunft spannend werden. Die Hochschulen in anderen europäischen Staaten verfügen über mehr Autonomie und Spielraum, was die Selektion von Studierenden und die Begrenzung der Studierendenzahlen auf Bachelorstufe betrifft. 

Das Ergebnis von ED-AFFICHE sind konkrete Empfehlungen an die Mitgliedsstaaten, die Europäische Kommission, die Qualitätssicherungsagenturen und die Hochschulen. Für uns war die Teilnahme eine gute Gelegenheit, die Schweizer Perspektive einzubringen.

Annika Martin

Annika Martin ist an der Universität Zürich Projektleiterin im Bereich Lehrentwicklung. 

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in einem European Degree für die Schweizer Hochschullandschaft und deren Studierende?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht ganz klar, in welche Richtung der European Degree gehen soll: Entweder als eigenständiger Abschluss im Sinne einer Qualifikation oder (zunächst) als eine Art Qualitätslabel, das einen Joint Degree in einem zusätzlichen Zertifikat auszeichnet. Klar ist in jedem Fall, dass der European Degree immer ein Nischenprodukt bleiben wird und nicht in Konkurrenz zu den disziplinären, nationalen Studienprogrammen treten wird. Es handelt sich also nicht um eine Konkurrenz zum eigenständigen Profil der Schweizer Hochschulen, sondern um eine Ergänzung in spezifischen, meist inter- oder transdisziplinären Studienbereichen.

Es ist sinnvoll, insbesondere solche Studiengänge mit dem European Degree (Label) auszuzeichnen, in denen die Studierenden in einem stark kooperativen und internationalen Umfeld Kompetenzen erworben haben. Der European Degree würde dieses Kompetenzprofil sichtbarer machen.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Partnerhochschulen in Europa im Rahmen dieses Projekts und im Kontext von Una Europa?

Die Umsetzung der ambitionierten Auslegeordnung im Rahmen von ED-AFFICHE ist aus unserer Sicht bemerkenswert gut gelungen, wenn man bedenkt, dass es hier um die Koordination von 51 teilnehmenden Universitäten ging. Bei der Hochschulallianz Una Europa geht es sehr stark um die konkrete Zusammenarbeit in Forschung und Lehre. Die gemeinsame Arbeit ist inspiriert von der Idee, miteinander und voneinander zu lernen. Wir versuchen etwas zu erreichen, was keine Universität für sich allein schaffen könnte. Im Bereich Studium und Lehre entwickeln wir innovative und internationale Formate, die es einer möglichst breiten Studierendenschaft ermöglichen, auf einem «transnationalen Campus» zu studieren.

Wie schätzen Sie das Interesse der Schweizer Hochschulen am Thema European Degree ein?

In unseren Einschätzungen gab es während des Projekts eine grosse Übereinstimmung mit der Universität Genf. Auch die Universität Lausanne war im Rahmen ihrer Allianz an einem parallelen Pilotprojekt beteiligt. Ob ein grösseres Interesse seitens der Schweizer Hochschulen besteht, ist noch offen. Ich könnte mir vorstellen, dass das Interesse der Schweizer Universitäten wächst, sobald das Thema konkreter und praktisch relevant wird. Der Mehrwert für die Hochschulen, beispielsweise in Bezug auf Synergien in der Lehre, und für die Studierenden wird dann greifbarer.

Wie geht es nun weiter?

Für uns an der Universität Zürich geht es in erster Linie um die Weiterentwicklung der beiden Joint Degrees im Rahmen von Una Europa. Diese könnten in Zukunft als European Degrees qualifiziert werden. Auf nationaler Ebene muss das Thema aus rechtlicher Sicht noch vertieft werden. Es gibt viele Hürden bei der Entwicklung und dem Betrieb eines solchen Programms. Beispielsweise unterschiedliche nationale Gesetzgebungen, hochschulspezifische Regelungen, unterschiedliche Prozesse und Strukturen. 

Auf europäischer Ebene hat das Konsortium von ED-AFFICHE die Europäische Kommission aufgefordert, eine proaktive Rolle bei der Koordination zwischen allen wichtigen Akteuren im Europäischen Hochschulraum zu übernehmen, um den European Degree Wirklichkeit werden zu lassen. Auf EU-Ebene werden Finanzierungsmöglichkeiten im Rahmen von Erasmus+ vorgeschlagen, um die Umsetzung des European Degree zu fördern. In der Schweiz müssen wir andere Wege finden, um uns an diesem Prozess zu beteiligen, solange wir nicht an Erasmus+ assoziiert sind. 

Una Europa

Una Europa ist eine Allianz von elf führenden Universitäten aus ganz Europa. In sechs Schwerpunktbereichen (Cultural Heritage, Data Science and Artificial Intelligence, Europe and the World, Future Materials, One Health und Sustainability) sollen gemeinsame Lernmöglichkeiten, einschliesslich Diplome, entwickelt und die Studierenden- und Personalmobilitäten weiter gesteigert werden. Die Gemeinschaft von Una Europa umfasst mehr als eine halbe Million Studierende, 100’000 Mitarbeitende und zehn Sprachen.

ED-Affiche

2022 rief die Europäische Kommission zur Einreichung von Vorschlägen auf, um die Einführung eines gemeinsamen europäischen Abschlusslabels zu erleichtern. Das Projekt ED-AFFICHE, bestehend aus sechs Allianzen und 51 Hochschuleinrichtungen aus 22 Ländern, wurde 2024 erfolgreich abgeschlossen. Das Projekt analysierte bestehende gemeinsame Studiengänge sowie rechtliche Hindernisse und entwickelte wichtige Empfehlungen für die Einführung des europäischen Hochschulabschlusses.


Kontakt
Annika Martin, Universität Zürich Projektverantwortliche ED-AFFICHE annika.martin@uzh.ch +41 44 634 42 86
Autor/in
Jérôme Hügli